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INTERVIEW
Mit „Startklar“ fit für die Ausbildung

Bildungsstaatssekretär Helge Braun erläutert in einem Gespräch mit Sophia Otto die vielfältigen Programme der Bundesregierung, Jugendlichen eine Berufsorientierung aus einem Guss zu geben.

Helge Braun
„Ein Schulabschluss ist wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Start in das Berufsleben.“ Helge Braun

Der Selbständige: Herr Braun, viele Ausbildungsbetriebe berichten über Auszubildende, bei denen zwar praktische Fähigkeiten und großes Interesse am Beruf deutlich zu erkennen sind, jedoch aufgrund vielerlei Defizite aus der allgemeinbildenden Schulzeit – insbesondere beim Erlernen und Umsetzen von theoretischen Qualifikationsanforderungen – große Probleme bestehen. Welche Möglichkeiten sehen Sie seitens der Bundesregierung, diesen jungen Menschen zu helfen?
Braun: Junge Menschen, die eine Berufsausbildung beginnen, brauchen manchmal – zum Beispiel wegen der Defizite, die sie aus der Schule mitgebracht haben – zusätzliche Förderung in der von ihnen gewählten Ausbildung. Daher müssen Betriebe ermutigt werden, auch weiterhin solche Jugendliche in eine betriebliche Ausbildung aufzunehmen. Wir können es uns weder aus demografischen noch aus sozialen Gründen leisten, Jugendliche ohne Ausbildungschance zurückzulassen. Aber auch die Betriebe dürfen nicht alleingelassen werden. Aus diesem Grund gewähren die Arbeitsagenturen ausbildungsbegleitende Hilfen (abH). Diese zielen darauf ab, Jugendlichen mit Förderbedarf beim Erlernen vor allem der Fachtheorie und Fachpraxis Unterstützung zu bieten. Dies geschieht durch Stützunterricht zum Abbau von Sprach- und Bildungsdefiziten sowie durch sozialpädagogische Begleitung. Im Jahr 2009 wurden knapp 70.000 junge Menschen mit ausbildungsbegleitenden Hilfen unterstützt. Der finanzielle Aufwand belief sich dabei auf rund 95 Millionen Euro.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat darüber hinaus Ende 2008 gemeinsam mit den Wirtschaftsverbänden die Initiative „VerA“ zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen und damit auch zur Fachkräftesicherung geschaffen. Kerngedanke des Projekts ist es, Auszubildenden, bei denen sich Probleme in der Ausbildung abzeichnen, – abgestimmt mit den zuständigen Stellen – frühzeitig einen Mentor oder Ausbildungsbegleiter an die Seite zu stellen. Den Auszubildenden wird damit eine konkrete Hilfestellung bei der Problemlösung angeboten, um den erfolgreichen Berufsabschluss zu sichern. Dies schließt eine Unterstützung bei fachtheoretischen Problemen ein.

Der Selbständige: Immer mehr Betriebe unterschiedlicher Branchen klagen, dass sie händeringend nach Auszubildenden suchen, jedoch immer weniger geeignete Bewerber finden.
Braun: Ein Schulabschluss ist wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Start in das Berufsleben. Der Ausbildungserfolg aller Schüler in Bildungsgängen, die mindestens zu einem Hauptschulabschluss führen, soll sichergestellt werden. Die Bundesregierung und die Länder streben an, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss bis zum Jahr 2015 im Bundesdurchschnitt auf vier Prozent zu senken. Zudem muss jeder, der kann und will, auch nach Verlassen der Schule einen Schulabschluss nachholen können.

Um Fortschritte bei der Nachqualifizierung An- und Ungelernter zu erreichen, müssen vorhandene Förderinstrumente von Unternehmen und Beschäftigten stärker genutzt werden. Die Arbeits- und Sozialminister der Länder haben die Wichtigkeit einer modularisierten Nachqualifizierung bis zum erfolgreichen Berufsabschluss erneut betont. Dabei wurde das BMBFProgramm „Perspektive Berufsabschluss“ positiv herausgestellt. In der Förderinitiative zwei „Abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung“ sollen durch ein verbessertes Zusammenwirken der regional tätigen Arbeitsmarktakteure neue Wege zur Nutzung der vorhandenen Förderinstrumente transparenter gestaltet und stärker als bisher zur Nachqualifizierung genutzt werden. Ziel ist hierbei vor allem, durch erfolgreiche Teilnahme an der sogenannten Externenprüfung – einer von einer regulären Ausbildung unabhängigen Prüfung – einen staatlich anerkannten Berufsabschluss zu erlangen.

Zur Sicherung des Fachkräftebedarfs gilt es auch im Vorfeld der Berufsausbildung, also schon während der allgemeinbildenden Schulzeit, verstärkt auf die Jugendlichen zuzugehen. Mit dem Berufsorientierungsprogramm des BMBF in speziellen Berufsbildungsstätten sind wir hier bereits auf einem erfolgreichen Weg. Dieses Programm fördert seit April 2008 mit mehr als 21,5 Millionen Euro Maßnahmen für bislang fast 72.000 Jugendliche, die diese Aktionen hervorragend angenommen haben. Die Jugendlichen erkennen beispielsweise beim Schweißen, Sägen oder Malern ihre Fähigkeiten und verhalten sich in einem solchen Umfeld oft viel motivierter als im Schulunterricht. Dies zeigt, wie wichtig es ist, den Schülern außerhalb der Schule Praxiserfahrung zu ermöglichen und ihnen etwas zuzutrauen. Um den Jugendlichen Berufsorientierung aus einem Guss zu bieten, ist es in Nordrhein-Westfalen gelungen, dieses BMBF-Programm einzubinden in das Bund-Länder-Programm „Startklar! Mit Praxis fit für die Ausbildung“. Eine solche Kooperation schwebt uns mit allen Akteuren der Berufsorientierung vor: Den Ländern, dem regionalen Übergangsmanagement auf kommunaler Ebene, der Bundesagentur für Arbeit sowie der Wirtschaft.

Der Selbständige: Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung benötigen auch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) zunehmend hoch- beziehungsweise weiterqualifizierte Fachkräfte. Trägt die Bundesregierung dem Rechnung?
Braun: In unserem rohstoffarmen Land sind Bildung und Wissen das entscheidende Kapital, um durch fortlaufende Innovationsprozesse im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Dies gilt auch für KMU, die im besonderen Maße auf Spezialisierung und Innovation angewiesen sind. Berufliche Bildung darf daher nicht in einer Sackgasse enden, sie ist vielmehr Startpunkt für ein lebenslanges Lernen, sei es im Hinblick auf eine Verbreiterung des Einsatzes am eigenen Arbeitsplatz als auch für die Nutzung von beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Zur Erleichterung der Durchlässigkeit von Bildungsgängen untereinander – zum Beispiel von einer Berufsausbildung in ein Studium – setzt sich die Bundesregierung für eine verstärkte Transparenz der erzielten Abschlüsse beziehungsweise der erworbenen Kompetenzen ein.

Darüber hinaus hat die Bundesregierung das Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFBG) – das sogenannte Meister- BAföG – novelliert, um noch mehr Menschen als bisher für Fortbildungen zu gewinnen. Die Resonanz ist positiv. Die Antragszahlen sind im zweiten Halbjahr 2009 im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres deutlich, um etwa 20 Prozent, angestiegen. 2008 betrug die Zahl der Geförderten rund 140.000, im Jahr 2009 schätzungsweise 154.000 Menschen. Das AFBG wird von Bund (78 Prozent) und Ländern (22 Prozent) gemeinsam finanziert. In den Jahren 2010 bis 2013 stellt allein der Bund rund 281 Millionen Euro zusätzlich für die Verbesserung der Aufstiegsförderung zur Verfügung. Die Bundesmittel betragen somit jetzt insgesamt 782 Millionen Euro.

Der Selbständige: Gibt es weitere finanzielle Anreize – beispielsweise durch Stipendien?
Braun: Ein weiteres wichtiges Förderinstrument sind die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2008 eingeführten „Aufstiegsstipendien“. Sie sollen finanzieller Anreiz sein für beruflich besonders begabte Menschen, ein Studium aufzunehmen, um sich so zusätzlich weiterbilden zu können. Das Interesse an den Aufstiegsstipendien hat alle Erwartungen deutlich übertroffen. Innerhalb der ersten zwölf Monate waren bereits mehr als 6.000 Bewerbungen eingegangen. Aufgrund der großen Nachfrage wurden bis Ende 2009 rund 1.500 Stipendien vergeben. Das sind 50 Prozent mehr als ursprünglich geplant. Von allen beruflich qualifizierten Studienanfängern ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung erhält damit jeder achte ein Aufstiegsstipendium.

Die Regierung will mit der Förderung der Aufstiegsstipendien zur Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung beitragen. Es ist besonders erfreulich, dass die meisten Länder nun den Hochschulzugang von beruflich qualifizierten Bewerbern spürbar erleichtert haben. Es wird deutlich: Berufliche Ausbildung kann über die Fortbildung gute Berufsperspektiven bieten und zugleich auch den Weg zur Hochschule öffnen.

Erste Auswertungen zum Bedarf an Aufstiegsstipendien zeigen, dass die Zielgruppen erreicht wurden: Nur ein Drittel der Stipendiaten hat ein klassisches Abitur. Ein Drittel der Stipendiaten belegt dabei ein Studium im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). So kann beispielsweise ein Straßenbauer, der mit Hauptschulabschluss und seinem Meistertitel den Zugang an die Fachhochschule bekommt, Bauingenieur im Tiefbau werden.

 

Mit Helge Braun sprach Sophia Otto

 

 
  
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